125 Jahre erster erfolgreicher Gleitflug in Derwitz / Krielow

Lust auf Zauche

Im Frühjahr des Jahres 1891 erfolgte der erste durch Otto Lilienthal gesteuerte Flug eines Gleiters von der Böschungskante einer Sandgrube am Nord-West-Hang des Spitzen Berges zwischen Derwitz und Krielow. Leider lässt sich der Zeitpunkt dieses historischen Ereignisses nicht weiter eingrenzen, denn Otto Lilienthal hat dazu keine präziseren Angaben hinterlassen.

Nachbau des Derwitz-Gleiters durch Stephan Nitsch

Die während der ersten „Flugsaison“ der Menschheit folgenden Flugversuche bestätigten die Richtigkeit und Zuverlässigkeit der aerodynamischen Auslegung des von Otto Lilienthal selbst „Flugzeug“ getauften Derwitzer Gleiters. Diese Auslegung war in den Jahren zuvor in sorgfältigen, gemeinsam mit seinem Bruder Gustav vorgenommenen wissenschaftlichen Untersuchungen erarbeitet worden. Otto Lilienthal erprobte und verbesserte diesen Gleiter schon 1890 im Garten seines Hauses in Berlin Lichterfelde. Für die erforderliche Absprunghöhe schuf er sich eine Rampe von etwa 2 Metern Höhe. Obwohl die damit erzielten Flugweiten äußerst begrenzt waren, führten sie zu der wichtigen Ergänzung des Gleiters mit einer Seitenflosse.

Zweifellos spielten seine verwandtschaftlichen Beziehungen eine entscheidende Rolle dafür, dass sich Otto Lilienthal im Raum Derwitz/Krielow nach einem geeigneten Übungsgelände umsah. Der Onkel seiner Schwägerin, der Frau seines Bruders Gustav, Carl Otto Bournot war zu jener Zeit Pfarrer in der Gemeinde Derwitz zwischen Werder und Groß Kreutz. Bei jeder Besuchsreise nach Groß Kreutz sah er von der Eisenbahn aus den Spitzberg und die Sandgrube an dessen Nordwest-Hang, die er für seine Übungen für geeignet hielt.

Diese Sandgrube war 1846 beim Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Magdeburg entstanden. Historische Fotoaufnahmen in zwei verschiedenen Zeiträumen, von Prof. Dr. Kaßner vom Meteorologischen Institut Potsdam, belegen den Absprung an den Abbruchkanten in die Sandgrube. Die Fotoaufnahmen zeigen den nach einem Sturmschaden um ca. 2 m Spannweite eingekürzten Derwitz-Apparates. Von der ursprünglichen Spannweite des Gleiters mit 7 1/2 m existieren keine Fotos, nur eine Beschreibung Lilienthal’s.

Es ist nachgewiesen, dass er sich beim Bahnwärter der Bude 55 August Thiele nach den Eigentumsverhältnissen dieser Grube, die komplett auf der Gemarkung Krielow liegt, erkundigte. Die Auskunft, dass der Bereich der Sandgrube einschließlich Spitzberg der Eisenbahn gehöre, beruhigte ihn offensichtlich sehr. Zunächst dachte er auch daran, seinen Flugapparat im Bereich der Bahnwärterbude 55 unterzustellen.

Ausschnitt aus einem Foto der Windmühle des Müllers Schwach im Frühjahr 1891. Die Blickrichtung ist etwa nach Osten. Zwischen dem Schwiegervater des Müllers Schwach, der seinen Sohn Arthur auf dem Arm hält, und den Hinterteilen der Pferde kann man durch den Unterbau der Mühle hindurch blicken. Im Hintergrund ist der Spitzberg erkennbar und es wird deutlich, wie zutreffend dieser Name war. Der gesamte Bereich um den Spitzberg war damals unbewaldet. [OLM F0848LF]

Lilienthal-Denkmal an der Gemarkungsgrenze Derwitz-Krielow

Lilienthal-Denkmal an der Gemarkungsgrenze Derwitz-Krielow

Die Möglichkeit der Unterbringung des Apparates in der Scheune des Derwitzer Müllers Schwach war aber wesentlich günstiger. Sein Derwitzer Gleiter hatte ursprünglich eine Spannweite von 7 1/2 m und war nicht zusammenfaltbar wie spätere Weiterentwicklungen. Seine Masse betrug etwa 18 kg und die beiden Flügel konnten in der Mitte, im sogenannten Gestellkreuz, getrennt werden. Der Transport im zusammengebauten Zustand war nicht einfach, was sicher zu den späteren zusammenfaltbaren Normal-Segelapparaten führte, die als Vorbild für das Lilienthal-Denkmal an der Gemarkungsgrenze Derwitz-Krielow diente.

Weiterer Sand wurde in der Zeit von 1904 bis 1906 für den Eisenbahndamm in Potsdam-Charlottenhof abgetragen und erweiterte die ehemalige Lilienthal‘sche Übungsgrube in südlicher und östlicher Richtung. Dieser Erweiterung fiel auch der unbewaldete kegelförmige „Spitzer Berg“ (64,1 Meter) zum Opfer.

Erinnerungsstein an die Absprungstelle Otto Lilienthals

In den 1930-er Jahren wurde für den Autobahnbau die auf Krielower Terrain liegenden Sandgruben nochmals in östliche und vor allem südliche Richtung bis tief in die Derwitzer Gemarkung erweitert. Somit entstand letztendlich ein großer Sandgrubenkomplex, der es so schwer macht, sich die Lage der Lilienthal‘sche Übungsgrube heute noch vorzustellen. Von der 1891 für Otto Lilienthal nutzbaren Sandgrube ist nur die westlichste Böschung übrig, an der ein kleiner Gedenkstein an die letzte vorhandene Absprungstelle Otto Lilienthals erinnert. Erschwerend kommt hinzu, dass heute der gesamte Bereich bewaldet ist.

Wie Meßtischblätter von 1939 – 1942 zeigen, benannten die Kartographen die nächste östliche Erhebung der Krielower Berge, gewissermaßen als Ersatz, in „Spitzer Berg“ (58,5 Meter) um.

Heute ermöglichen moderne elektronische Abtastverfahren, die Erdoberfläche exakt dreidimensional zu erfassen und darzustellen. Dabei kann sogar der Pflanzenbewuchs heraus gerechnet und die „kahle“ Oberflächenstruktur sichtbar gemacht werden.

Würde man die entsprechenden Meßtischblatt-Ausschnitte der drei Epochen auf diesen modernen Oberflächen- Scan legen, ergibt sich das folgende Bild:

Aus historischen Messtischblättern wurden hier die drei Grubenbereiche, die seit 1846 und den folgenden ca. 80 Jahren entstanden, farbig in den aktuellen Oberflächen-Scan eingetragen.
Der grüne Grubenbereich war 1891 einzig allein vorhanden – das Lilienthal‘sche Übungsgelände.
Der gelbe Grubenbereich entstand erst 1904 bis 1906 für die Bahn in Potsdam Charlottenhof.
Der rote Grubenbereich zum Autobahnbau – per Lorenbahn in den 1930-er Jahren abgefahren.

Es wird deutlich, wo damals der „Spitzer Berg“ (S) mit seinen 64,1 Metern Höhe lag. Wie die ursprünglich kleine Sandgrube (E), die Material für die Eisenbahnstrecke Berlin-Magdeburg 1846 lieferte, geformt war. Diese war am Nord-West-Hang des „Spitzer Berg“ entstanden. Auch der Standort der Windmühle (W) des Müllers Schwach, ihr heute nicht mehr vorhandene Zufahrtsweg (Z) und die Position des heute noch vorhandenen Gehöftes (G) des Müllers sind hier dargestellt. Als Standort für das 1991 errichtete Denkmal (D) wurde eine Stelle zwischen der Lilienthal’schen Sandgrube und dem ehemaligen Standort der Windmühle gewählt.

Die kesselförmige Ausbildung der ursprünglichen Sandgrube ermöglichte es Lilienthal, Flugversuche gegen den Wind bei fast allen Windrichtungen durchzuführen. Jedoch begrenzte die Höhendifferenz zwischen Abbruchkante und Sohle der Sandgrube die zu erreichenden Flugweiten auf die überlieferten maximal 25 Meter. Betrachtet man die Sandgrube, die seit 1846 bis nach der Jahrhundertwende existierte, wird deutlich, dass nur ein ganz schmaler Teil der Westböschung der ehemaligen Flugübungsgrube erhalten ist. Die folgende Fotografie (01/2016) zeigt diese Böschung aus südöstlicher Richtung.

Letzter erhaltener Teil der Böschung der Sandgrube, die 1846 beim Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Magdeburg entstanden ist, die Otto Lilienthal 1891 für seine historischen Flugversuche genutzt hat.

Man kann also festhalten: Die ersten Flugversuche des Menschen fanden – wie die Fotodokumente belegen – an der Böschung der Krielower Sandgrube statt. Lilienthal benötigte die Abbruchkante dieser Grube um in die Luft zu kommen. Die natürlichen Gefälle am „Spitzer Berg“ bzw. am „Mühlenberg“ in Krielow reichten bei den Gleitverhältnissen des „Flugzeuges“ nicht aus um einen Flug durchzuführen. Es bedurfte damals, vergleichbar mit den Gleitschirmfliegern heute, einer Absprungkante, Rampe oder ähnlich starkem Gefälle. Dieses Gefälle fand Otto Lilienthal später in Stölln-Rhinow am Gollenberg bzw. am „Fliegeberg“ in Berlin Lichterfelde, den er aus einer Abraumhalde 1894 hatte aufschütten lassen.

Hier wird noch einmal die tatsächliche Stelle deutlich, die Otto Lilienthal 1891 für seine ersten Flüge nutzte:


Der Artikel von Hans-Georg Dachner und Herbert Martin Vater erschien zuerst im „Gemeindebote“ für Groß Kreutz 05/06 2016.

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