Das Nähkästchen der Stadt

Beelitz

Wenn Heidrun Figas auf eine einsame Insel müsste, dann würde sie auf jeden Fall Nadel und Faden mitnehmen. Und Stoffe. Und vielleicht noch ein paar Muster. Weniger aus praktischen Erwägungen, sondern weil Nähen ihre große Leidenschaft ist. „Im Alter von 15 Jahren habe ich damit angefangen und bis heute nicht aufgehört“, erzählt die Beelitzerin. Als junge Frau konnte sie so immerhin regelmäßig modische Akzente setzen, später die Kinder mit  Kleidung ausstatten, die auch wirklich passt, und Zerstreuung finden am Ende eines langen Arbeitstages im Büro.

Heute möchte Frau Figas, die vor sieben Jahren mit ihrem Mann von Potsdam nach Rieben gezogen ist, auch andere für dieses Hobby begeistern: In ihrem neu eröffneten Geschäft in der Berliner Straße 1, direkt gegenüber dem Beelitzer Rathaus, verkauft sie nicht nur die nötigen Stoffe, Kurzwaren und sogar Nähmaschinen, sondern gibt auch Kurse. Und wenn man beim eigenen Projekt mal nicht weiterkommt, dann leistet sie auch Schützenhilfe oder stellt einen Arbeitsplatz mit moderner Maschine zur Verfügung. „Nählitz“ steht vorn auf der Eingangstür, eine Synthese aus „Nähen in Beelitz“. Genau darum soll es hier gehen.

Mit dem Geschäft hat sich Heidrun Figas, die hauptberuflich bei der Verkehrsgesellschaft Teltow-Fläming arbeitet und dort für den kaufmännischen Bereich zuständig ist, einen Traum erfüllt. „Eigentlich wollte ich damit bis zum Ruhestand warten, aber nun hat sich die Gelegenheit schon etwas früher ergeben“, erklärt sie. Denn der Laden in der Altstadt, in dem sich bis vor gut einem Jahr noch ein Café befand, hatte dringend einen neuen Mieter gesucht. Kurzum wurden die Räume renoviert und eingerichtet, mit Regalen für die Stoffballen, einem großen Tisch zum Zuschneiden, einem weiteren Arbeitstisch mit sechs Maschinen und einer Sitzecke, an der man in der Pause einen Kaffee trinken kann. Auch das gehört dazu: In gemütlicher Atmosphäre Erfahrungen austauschen.

Vorne im Schaufenster sorgt eine historische Nähmaschine mit Pedal und Riemenantrieb der Firma Fritz Lucke in Brück für das richtige Ambiente. „An so einer hat mir meine Oma damals das Nähen beigebracht“, erzählt Heidrun Figas. Die Faszination, etwas nach eigenen Ideen herzustellen, habe sie damals schnell gepackt, aber nicht etwa, weil es zu DDR-Zeiten nichts anzuziehen gegeben hätte. „Merkwürdigerweise gab es nur keine fertigen Sachen. Stoff und Nähzubehör war dagegen immer da.“ Ihr Kleid für den Abiball hat sich Heidrun Figas damals selbst geschneidert, auch das Hochzeitskleid, in den 1970ern einen Maxi-Trenchcoat, in den 1980ern voluminöse Blusen, wie sie damals im Trend lagen.

Und auch heute, in Zeiten von H&M, KiK oder Karstadt, gibt es längst nicht immer alles zu kaufen. „Viele junge Leute entdecken deshalb wieder das Nähen für sich“, weiß Heidrun Figas. Das hänge auch damit zusammen, dass die Maschinen weitaus besser geworden sind. Sie selbst schwört auf die Schweizer Firma Elna, deren Geräte sie mit vertreibt und an denen sie auch ihre Kurse gibt. Die ersten Absolventen konnte sie bereits begrüßen, die Jüngste ist gerade mal neun Jahre alt. „Aber es sind auch Erwachsene dabei, einige haben mal genäht und möchten damit wieder anfangen, andere starten gänzlich neu.“ Heidrun Figas freut sich jedes Mal, wenn sie ihnen dabei den Weg ebnen kann – und zeigen, was sich mit Nadel und Faden alles zaubern lässt.

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